Faszination

Das Sportspiel Fußball ist geeignet, starke Gefühle auszulösen, die nicht nur die Spielenden, sondern auch große Zuschauermassen erfassen können. Die Begeisterung für das spannende Spiel hat in vielen Ländern zur Bildung von Fanclubs und einer weltweiten Verbreitung als beliebtester Mannschaftssportart geführt. Der Spielforscher Siegbert Warwitz nennt für die Faszination, die Spielaktive wie Zuschauer immer wieder in ihren Bann zieht, mehrere Gründe:

  • Das Fußballspiel ist ein hoch dynamisches, schnelles, kraftvolles und gleichzeitig technisch wie taktisch anspruchsvolles Kampfspiel, das Angriffslust und Durchsetzungswillen erfordert. Der erlaubte harte Körpereinsatz wird durch strenge Regeln in Grenzen gehalten und durch einen Schiedsrichter überwacht. Sanktionen gewährleisten zusätzlich, dass das Spiel regelkonform und nach dem Gebot des Fairplay abläuft. Der ursprünglich sehr raue Charakter des Sportspiels Fußball verführte noch 1953 den Anthropologen Frederik Jacobus Johannes Buytendijk zu der Aussage: Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. […] Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum getreten werden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.
Enorme Körperbeherrschung, ein hervorragender Trainingsstand und technisches wie taktisches Können machen ein Fußballmatch heute sowohl im Männer- als auch im Frauenfußball zu einem athletischen, aber auch ästhetisch attraktiven Spiel.

Der Film Union fürs Leben zeigt die Fankultur bei Union Berlin

  • Die Spannung entwickelt sich aus dem offenen Spielausgang, aus dem Gelingen oder Misslingen der Spielzüge, aus dem präzisen Zuspiel, den artistischen Einzelaktionen, den Kämpfen Mann gegen Mann, aber auch aus dem taktischen Austricksen des Gegners und der Kommunikation und Kooperation in den eigenen Reihen. Da jedoch nur die erzielten Tore verbucht werden, entscheidet schließlich das bessere Torverhältnis über den endgültigen Sieg, unabhängig davon ob das Ergebnis durch spielerische Überlegenheit oder bessere Torchancen „verdient“ war oder nicht. Das Fußballspiel ist nach der Spieltheorie ein sogenanntes „Nullsummenspiel“, was bedeutet, dass die Größe des Sieges der einen mit der Schwere der Niederlage der anderen Mannschaft korrespondiert: Ballgewinn der einen bedeutet gleichzeitig Ballverlust der anderen, Torerfolg der einen bedeutet Torhinnahme der anderen Mannschaft. Erfolg und Misserfolg stehen in einem Wechselverhältnis. Die eine Mannschaft gewinnt so hoch wie die andere verliert. Die Bilanz kann von Minute zu Minute umschlagen. Dies stimuliert den Kampfgeist der Aktiven und das Mitfiebern der ambitionierten Zuschauer. Ein fast verloren geglaubtes Spiel kann noch zu einem Sieg geführt werden und umgekehrt.
  • Ein weiteres Moment liegt in der Form des Mannschaftssports: Ein hochklassiges Spiel lebt von den gekonnten Einzelaktionen der Spieler, mehr aber noch von der Gesamtleistung als Team. Hierbei muss das Profilierungsstreben des einzelnen Stars sich dem gemeinsamen Erfolgswillen der Mannschaft unterordnen. Der legendäre Fußballtrainer Richard Girulatis prägte 1920 entsprechend den viel zitierten Satz: 11 Freunde müsst ihr sein. Dennoch sind es gerade herausragende individuelle Leistungen, insbesondere Tore wie das WM-Tor des Jahrhunderts, die als markante „Fußballmomente“ erinnert werden.

Das Freiwerden und Aufschaukeln hoher Emotionen beim Fußballspiel hat nach Warwitz jedoch einen ambivalenten Charakter: Es können sich dabei positive (spielförderliche), aber auch negative (destruktive) Gefühlsausbrüche entwickeln und über das unmittelbare Geschehen im Stadion hinaus Bahn brechen: Die starke Identifizierung mit einzelnen Spielern, einer Vereins– oder einer Nationalmannschaft kann ausgelassenen Jubel, aber auch tiefe Enttäuschungen auslösen. Wenn sich die Siegeshoffnung nicht erfüllt oder der Sieg in einem unbändigen Taumel ausgelebt wird, können sich rüpelhafte Szenen in den Stadien oder Fan-Schlachten auf den Straßen abspielen. Diese entfesseln sich umso stärker, als sich ein kollektives Bewusstsein mit dem Spielgeschehen mischt und Alkoholisierung mit im Spiel ist. Andererseits bietet jedes hochklassige Spiel auch Gelegenheit zu Bewunderung, zu Leistung steigernder Anfeuerung, zu Erfolgsfreude, zu gebändigter Enttäuschung und neuer Hoffnung. Die oft spektakulären Aktionen auf dem Platz wie auf den Rängen und die Geräuschkulisse zeigen, wie emotional betroffen ein spannendes Spiel die Beteiligten machen kann.

Beide Gefühlsrichtungen auszubalancieren, stellt eine elementare Erziehungsaufgabe vor allem der staatlichen Organe, der Vereine, der Schulen und der Familien dar. Hierzu müsste die Freude an einem kämpferisch und ästhetisch hochrangigen Spiel Vorrang gewinnen vor einem unbedingten Siegeswillen, müssen Frustrationstoleranz und Selbstkontrolle gelernt werden.

 

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball#Faszination